Mehr als Unter die Haut gehen: Trauma & unbewusste Arten von Stress bei Frauen.

Ich hatte vergessen, wer ich wirklich in diesem Leben bestimmt war zu sein. Ich war eine mehrsprachige, “geniale” Tochter, die Weltbürgerin, das nette, süße Mädchen, und die unterstützende, fürsorgliche, motivierende Freundin. Ich war die Tochter medizinischer Wissenschaftler, die all ihre Probleme vor ihren Eltern verbarg, damit sie sich weniger Sorgen machen würden, und trotzdem über meine Erfolge, mein Leben, stolz sein würden. Ich wollte, ich durfte, die Kontrolle auf keinen Fall verlieren.

Ich hatte mich einfach daran gewöhnt, Menschen das zu geben was sie wollten und alle um mich glücklich zu machen, ihnen zu gefallen und sie zu erfreuen. Wenn alle anderen glücklich waren, dann war ich es auch. Ich realisierte nicht, dass ich mich selbst später im Leben auf eine Beziehung einlassen würde, in der ich genauso handeln würde.

Während ich in Mexiko 2011 ein Volontariat absolvierte, lernte ich einen Kollegen kennen, mit dem ich einige Male ausging. Eines Abends hatte ich etwas zu viel getrunken und er bot mir an, mich nach Hause zu fahren. Als wir ankamen, vergewaltigte er mich. Dies war mein erstes Mal.

Einige Wochen nach dieser Nacht, nahm ich einen Schwangerschaftstest und fand heraus, dass ich tatsächlich schwanger war. Das erste was ich fühlte, waren Panik und Fassungslosigkeit zugleich. Eine Abtreibung durchzuführen, war keine legale Option im mexikanischen Bundesstaat, wo ich zu der Zeit mein Volontariat leistete (und auch in fast allen anderen Bundesstaaten war die Lage genauso). Nun musste ich einen etwas anderen Weg finden, einen unrechtmäßigen medizinischen Eingriff durchführen zu lassen. Ich würde sagen, dass dies mit Sicherheit eine weitere traumatische Erfahrung für mich war.

Dennoch blieb ich für 5,5 Jahre in einer Beziehung mit dem Mann, der mich vergewaltigte. Während dieser Zeit überstand ich mehrfache sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt, wie auch emotionale, psychologische und verbale Misshandlung. Ich verstand nicht, dass ich misshandelt wurde: Ich dachte, ich sei die starke, liebevolle, geduldige, die bestmögliche Freundin eines manchmal (wenn nicht zu oft) frustrierten, wütenden, traurigen, komplexen Menschen.

Ich glaube daran, dass Trauma, wenn Menschen mehrfach solchen Situationen   ausgesetzt sind, zu einer Realität wird, welche mit der Zeit einfach hingenommen wird. Am Ende gehen deine inneren Alarmsignale nicht mehr an. Es fing an damit, als ich nicht zugab, dass ich schockiert und ehrlich gesagt entsetzt war, über die Menge von Alkohol, die er trank. Ich mochte es nicht, wie er wütend wurde und leicht zu irritieren war, wenn er trank. Dies galt auch für die Drogen, die er nahm, nur da verhielt er sich ruhiger, zurückgezogener, auf eine befremdliche Art und Weise. Ich mochte es nicht wie er vortäuschte, dass alles gut war, dass es ja alles nur Spaß war, dass ich etwas lockerer und relaxter sein sollte, dass ich alles “easy” nehmen müsse…

Ich wollte die Anerkennung, die Liebe so, so sehr. Also schwieg ich.

Missbrauch, Gewalt, und Misshandlung, sie alle blühen auf in der Stille.

Der Wendepunkt kam plötzlich eines abends, als ich aus der Dusche stieg und ich mich im Ganzkörperspiegel bei mir zu Hause ansah. Ich war komplett nackt. Ich kam näher, schaute mir direkt in die Augen und sagte der Frau, die ich sah: Dies endet hier. Dies endet jetzt. Ich lasse alles hinter mir. Der Mangel an Selbstliebe und Selbstbewusstsein, die konstante Suche nach Anerkennung, die Wut, die Schuld, die Scham. Der Gedanke, dass ich mich auf eine bestimmte Art und Weise präsentieren musste, verhalten musste, fühlen musste. Ich war mit dem Mädchen, mit der Frau, die ich gewesen bin, so unglaublich verbunden. Es widerstrebte mir loszulassen. Jedoch nun war ich bereit, mich vollkommen von jeglichen Arten und Formen von mir selbst, die so gefühlt und gelebt hatten, für immer abzuwenden, so dass ich neu geboren werden konnte. Es war auf eine schockierende Weise wie ein Wunder.

Dies war der Moment, in dem ich mich von ihm trennte und ein neues Leben für mich begann.

Trauma ist ein Thema, welches noch viel zu oft als ein Tabu in unserer Gesellschaft angesehen wird und welches selten direkt angesprochen wird. Trauma kann auf verschiedenste Arten erfahren und wahrgenommen werden: historisch, kulturell, religiös, physisch, emotional, seelisch, auf zellulärer und DNA-Ebene sowie natürlich auch sexuell.

 

Elena Castellucci, MA, MPH, CHHC hat die Mission, weltweit Menschen von Trauma zu heilen und zu befreien. Ihr besonderer Fokus liegt bei Frauen und Mädchen. Sie möchte ihnen helfen, bewusste und unbewusste traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. Sie möchte sie ermutigen und ermächtigen, ihr wahres Selbst zu entdecken und zu wissen, was sie wirklich im Leben wollen. Momentan arbeitet Elena an ihrem Projekt „The 1 Million Women Project“ in Zusammenarbeit mit der TEDS Foundation, um Frauen und Mädchen weltweit zu helfen, Trauma zu verarbeiten und frei zu sein.

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