Tour de Force. Ein Abriss zu Sexualisierung & Selbstbestimmung in der Kunst

Gewalt an Frauen hat zahlreiche Gesichter: Sie kann auf physischer, sexueller, psychischer, ökonomischer oder sozialer Ebene ausgeübt werden und wirkt auch in die Kunst hinein. Blickt man einige Jahrhunderte in der Kunstgeschichte zurück, so stehen sexuelle Übergriffe an Frauen oder auch Sexualisierung von Frauen auf der Tagesordnung. Oft von sprichwörtlich alten Meistern gemalt, werden Frauen nackt oder zumindest sehr leicht bekleidet gezeigt, ohnmächtig, passiv und hilflos sind sie dem Betrachter als Objekt ausgeliefert. Diese voyeuristische Perspektive verweilte in der Kunst. Sexualisierung wurde lange als verdecktes Bildmotiv mitgeführt und rückte erst vor dem Hintergrund der 68er-Bewegung, im Zuge der Feministischen Avantgarde ins Zentrum der Darstellung. Das über Jahrhunderte mit Projektionen, Stereotypen und männlichem Wunschdenken aufgeladene „Bild der Frau“ wurde von Künstlerinnen im kollektiven Bewusstsein durch selbstbestimmte Aktionen und künstlerische Arbeiten provokativ, radikal und mit einem gewissen Augenzwinkern dekonstruiert. So kritisierte beispielsweise Valie Export mit dem „Tapp- und Tastkino“ (1968) die Verdinglichung des weiblichen Körpers, Margot Pilz zeigte mit dem „Arbeiterinnenaltar“ (1981) unter anderem subtil Geschlechterdifferenzen auf.

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Links: Valie Export, „Tapp- und Tastkino“, 1968 © Valie Export | Rechts: Margot Pilz, Details aus „Arbeiterinnenaltar“, 1981 © Margot Pilz

Interventionen gegen dieses hierarchische Verhältnis gab es jedoch schon früher. Im 17. Jahrhundert fanden Frauen in der Kunstwelt kaum Beachtung. Sie waren praktisch unsichtbar. So musste sich der heutige Shooting Star Artemisia Gentileschi damals Ruhm und Anerkennung hart erarbeiten, während ihren männlichen Kollegen das Maler-Genie quasi in die Wiege gelegt wurde. Gentileschis Malereien erscheinen heute so aktuell wie kaum eine ihrer Zeitgenoss*innen, thematisieren jene ja die schonungslose Darstellung sexualisierter Inhalte. Die Werke werden heute als Kritik an patriarchalen, gesellschaftlichen Strukturen verstanden, mitunter aufgrund des Bewusstseins darüber, dass die junge Malerin ja selbst Erfahrungen sexueller Gewalt gemacht hat.

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(v.l.n.r) Artemisia Gentileschi, „Susannah und die Alten“, 1610 © Kunstsammlungen Graf von Schönborn, Pommersfelden und „Judith köpft Holofernes“, 1613/14 © Gabinetto fotografico delle Gallerie degli Uffizi

Jede fünfte Frau in Österreich ist ab ihrem 15. Lebensjahr mindestens einmal körperlicher und/oder sexueller Gewalt ausgesetzt1. Eine besondere Dimension der Gewalt an Frauen zeigt sich dieses Jahr. So wurden 2021 bereits 22 Frauen ermordet, der bisherige Höhepunkt einer seit Jahren steigenden Tendenz. Dieser Dramatik muss auf gesamtgesellschaftlicher Ebene entgegengewirkt werden. Besonders die Kunst kann und muss einen Beitrag leisten, indem sie die ihrer Geschichte anhaftende Unterdrückung des weiblichen Geschlechts thematisiert und nicht unsichtbar belässt.

 

Paula Marschalek, BA MAS ist eine österreichische Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin.
Mit Marschalek Art Management entwickelt sie individuell zugeschnittene Kommunikationsstrategien für Kunst- und Kulturschaffende. Weiters hat sie das Gesprächs- und Netzwerkformat JOMO mitbegründet sowie C/20 - Verein für internationale kuratorische Praxis.

Kontakt:
Paula Marschalek, BA MAS
www.marschalek.art
office@marschalek.art
IG: @marschalek.art | Fb: Marschalek Art Management

1https://fra.europa.eu/de/publications-and-resources/data-and-maps/gewalt-gegen-frauen-eine-eu-weite-erhebung (Abgerufen am 10.11.2021)

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