Eine erstrebenswerte Welt

Aufruf zur Aktion von Helena Gabriel-Oiwoh

Was wäre, wenn ein Passant bei sexualisierter Gewalt auf offener Straße nicht weg-, sondern hinschauen und eingreifen würde? Was wäre, wenn eine Mutter bei Erzählungen ihrer Tochter über sexualisierte Gewalt zuhörte, statt verharmloste und nach Erklärungen suchte? Und was wäre, wenn dabei weder der Alkoholkonsum, die fortgeschrittene Uhrzeit noch der Kleidungsstil der Betroffenen zum Zeitpunkt des Übergriffs eine Rolle spielten? Was wäre, wenn die Mutter stattdessen deutlich machte, dass die Tochter kein Selbstverschulden am Übergriff hätte? Dass der Täter allein für seine Tat verantwortlich wäre und niemals die Betroffene? Dass es keine gesellschaftlich akzeptablen Gründe, keine Ausreden und Rechtfertigungen für eine Vergewaltigung gäbe? Es wäre eine Welt, in der sich Frauen* nicht mehr für sexualisierte Gewalterfahrungen schämen müssten.

Was wäre, wenn eine Schuldirektorin im Leitbild ihrer Schule verankerte, dass sexualisierte Gewalt an ihrer Schule nicht toleriert würde? Was wäre, wenn ein Lehrer bei Verdacht auf sexualisierte Gewalt gegen eine Schülerin einen Interventionsplan entwickelte? Was wäre, wenn eine Lehrerin im Sexualkundeunterricht darauf achtete, über sexualisierte Gewalt und über Handlungsmöglichkeiten für Betroffene aufzuklären? Es wäre eine Welt, in der jede Schülerin wüsste, wann es zu einer sexualisierten Grenzüberschreitung kommt und was sie dagegen tun kann.

Was wäre, wenn eine Arbeitgeberin aktiv darauf hinweisen würde, dass es in ihrem Unternehmen keine Toleranz für sexualisierte Gewalt gäbe? Was wäre, wenn sie gegen sexualisierte Gewalt im Unternehmen konsequent vorginge und die zu setzenden Maßnahmen offen kommunizierte? Was wäre, wenn ein Kollege bei Anzeichen von sexualisierter Gewalt am Arbeitsplatz Hilfe anbieten würde? Was wäre, wenn dieser Kollege unterstützend zur Seite stünde, wenn sich die Betroffene zur Wehr setzen will? Es wäre eine Welt, in der jede Angestellte wüsste, welche Schritte sie einleiten kann, um gegen sexualisierte Gewalt vorzugehen.

Was wäre, wenn die beste Freundin einer von sexualisierter Gewalt Betroffenen sagen würde: „Du bist nicht allein!“? Was wäre, wenn sie ihrer Freundin raten würde, sofort Anzeige zu erstatten und ihr ihre volle Unterstützung und Begleitung zur Polizeistation zuspräche? Was wäre, wenn sie ihr darüber hinaus ans Herz legte, sich professionelle Hilfe zur Traumaverarbeitung zu suchen? Es wäre eine Welt, in der Frauen* mit sexualisierter Gewalterfahrung wüssten, an wen sie sich für Hilfe wenden können.

Was wäre, wenn ein Politiker anerkennen würde, dass sexualisierte Gewalt gegen Frauen* ein drastisches Problem darstellt? Wenn dieser Politiker nicht mehr nur von Einzelfällen, sondern einem weitverbreiteten Phänomen, das unbedingt gestoppt werden muss, sprechen würde? Was wäre, wenn er auch aktiv Maßnahmen setzte, um diesem Phänomen entgegenzuwirken? Es wäre eine Welt, in der genügend finanzielle Mittel zur Verfügung stünden, um alle Frauen* in Österreich mit Informationen zum Umgang mit und zur Prävention von sexualisierter Gewalt zu erreichen.

Eine Welt, in der jede und jeder Einzelne einen Beitrag leistete, um auf sexualisierte Gewalt aufmerksam zu machen und gegen diese vorzugehen. Eine Welt, in der jede Frau* die Möglichkeit hätte, über ihre sexualisierten Gewalterfahrungen zu sprechen. Eine Welt, in der sexualisierte Gewalt gegen Frauen* SICHTBAR wäre. Eine erstrebenswerte Welt.

Helena Gabriel engagiert sich seit Jahren für die Gleichstellung der Geschlechter. Women Empowerment ist ihr seit jeher ein Herzensanliegen. Um dieses voranzutreiben, war sie 2016 bis 2017 bei „Women in Business“, dem Schweizer Magazin zur Förderung von Frauen in der Arbeitswelt, tätig. Ab 2017 arbeitete sie an der „Orange the World – 16 days of activism to end violence against women and girls“ Kampagne bei UN Women Austria mit. Kurze Zeit später wurde sie zur Herausgeberin des jährlich erscheinenden Ressourcenbuchs FEMICIDE zur geschlechterbezogenen Ermordung von Frauen. 2019 gründete sie schließlich die United Nations Studies Association (UNSA) Vienna, unter anderem mit dem Ziel, eine lösungsorientierte Auseinandersetzung mit der Problematik Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu schaffen – ganz gleich, ob auf praktischer, wissenschaftlicher, aktivistischer oder künstlerischer Basis.

 

 

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